Heinrich Heine - Die zweite Vertreibung aus dem Paradies

Zerrissener Dichter (AT)

Es ist schummrig im Heimat und Kulturhaus In Hellwege. Die Vorhänge sind zugezogen. Auf Tischen zwischen den Stühlen brennen Teelichter und verbreiten eine angenehme Clubatmosphäre. Eine Filmclubstimmung. Denn heute Nachmittag soll uns das Leben des deutschen Dichters Heinrich Heine näher gebracht werden. Nicht, wie üblich, als Dokumentation, sondern als filmisches Kammerspiel. Die Kulturinitiative Sottrum hat eingeladen und will das Kulturmedium Film ebenso etablieren, wie sie es schon mit ihren Musik- und Theaterveranstaltungen geschafft hat.

 

Die Gäste holen sich ihr Glas Wein oder Wasser und setzen sich vor die Leinwand. An einem Tisch davor hat Günther Wedekind platz genommen und nach kleineren, technischen Schwierigkeiten beginnt der frühere Kameramann von Karl Fruchtmann seine Einführung in den ersten Teil des 1983 in der ARD gesendeten Films. Der mittlerweile 93jährige Wedekind erklärt in ausführlicher Weise, dass es sich bei dem zu zeigenden Film nicht um das Abspulen der bekannten Gedichte des berühmten Dichters geht, sondern eine tiefere Schicht des Freigeist Heine im 19. Jahrhundert freigelegt werden soll. Die Schwierigkeiten eines kreativen Menschen sollen ebenso dargestellt werden, wie seine Vision von einer Gesellschaft, die keine Beschränkungen durch die damalige Obrigkeit erfährt…

 

Das Licht geht aus und die ersten Bilder des Films zeigen eine bedrückende Szene: halbnackte Menschen laufen verstört auf die Kamera zu. An ihren spärlichen Kleidungsstücken erkennt man, dass es sich um Juden handelt, die von Reitern vor sich hergetrieben werden. Die lange Einstellung der Aufnahme verlangt von den Zuschauern einiges ab und nach einiger Zeit fangen manche Gäste auf ihren Stühlen an, hin und her zu rutschen. Das Einlassen auf die etwas spröde Sichtweise des Regisseurs ist gewöhnungsbedürftig nach den eingeübten, schnellen Schnittfolgen der Gegenwart in TV und Kino. Lässt man sich aber darauf ein, so erschließt sich ein intensives Gefühl im Betrachter für die Zustände der damaligen, jüdischen Deutschen. Der Antisemitismus ist im 19. Jahrhundert weit verbreitet und die „Späße“ mit den Juden haben Tradition. Und so muss man mitansehen, wie die verfolgenden, jungen Adligen auf ihren Pferden den erschöpften Flüchtenden ihre vollen Bierkrüge lachend über die verschwitzten Körper schütten.

 

Dies sind nur die „harmlosen“ Übergriffe auf die semitische Bevölkerung des Vielvölkerstaates Deutschland. Wer jüdischen Glaubens ist, kann eine Karriere als Beamter in gesicherten Verhältnissen vergessen. Und so erging es auch dem promovierten Juristen Heinrich Heine. Niemand will ihn haben. Alle Bewerbungen werden abgelehnt. Die Konvertierung zum Christentum erscheint dem Herrn Doktor dann auch als Mittel, Anerkennung und finanzielle Absicherung zu erhalten, um seine Dichtkunst auszuüben. Die Szene des Übertritts vom Juden- zum Christentum zeigt der Film dann auch als Akt der Erniedrigung für Heine. Aber es nützt nichts. Die Ständegesellschaft mag keine rebellischen,  tiefsinnigen Schreiberlinge, die Finger in die Wunden ihrer stark hierarchischen Ordnung legen. Dr. Heinrich Heine muss, um seine Existenz zu sichern, auf Gönner und seinen Onkel zurückgreifen, die ihm zwar die Würde nehmen, aber seinen Unterhalt „sichern“.

 

Vor allem sein Onkel wirft ihm in einem eindringlichen Dialog seine scheinheiligen Ansprüche vor: einerseits kritisiert er die Gesellschaft mit zuweilen Hohn und Spott, andererseits möchte er von ihr anerkannt und alimentiert werden. Ansprüche an eine bessere Welt zerreißen den Dichter und lassen ihn in einer Szene vor einem Spiegel in einen Selbstdialog treten, der diese Zerrissenheit deutlich macht. In unbarmherzigen Worten erforscht Heine sein Ich und wirft es in die verspiegelte Wirklichkeit zurück.

 

„Harry“, wie ihn sein Onkel spöttisch nennt, bekommt von ihm das Geld für ein Leben in Frankreich und voller Hoffnung, dort etwas freieres als den deutschen Spießermuff zu erleben, reist er nach Paris. Er trifft auf die Saint-Simonisten. Diese wollen die freie Gesellschaft leben und vor allem die freie Liebe praktizieren. Heine ist fasziniert und in starken, freizügigen Bildern kann der Zuschauer das Zusammenleben mit seiner späteren Frau „Mathilde“ erleben. 

 

Die geistigen Anregungen, die der heimwehgeplagte Dichter erfährt, werden in einem Gespräch mit Karl Marx vom Regisseur Karl Fruchtmann deutlich gemacht. „Er solle nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Kopf denken,“ so Marx, „ich lehne Gewalt aus tiefster Überzeugung ab,“ so der Philosoph weiter, „aber Gewalt ist nur mit Gewalt zu bezwingen.“ Heine erwidert auf den Vorwurf, er sei ein Herzensdenker mit der Überzeugung „ich denke nicht mit dem Kopf und dem Herzen, sondern mit Allem!“ Dies zeigt ein neues Denken, was die starren Richtungen, entweder mit dem Herzen oder dem Kopf Überlegungen anzustellen, in Zweifel zieht. Dies sind jedoch neue Ansätze, die wenige seiner Mitmenschen teilen und so kommt Heine nicht aus seinem Dilemma heraus, was Anspruch und Wirklichkeit angeht. Alpträume und quälende Zustände der Hoffnungslosigkeit zeigen dann auch die folgende Sequenzen in diesem Kammerspiel.

 

“Die zweite Vertreibung aus dem Paradies“ ist wohl das Hinausweisen aus einer Welt der Hoffnung, die Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat. Die privilegierte, patriarchale Gesellschaftsordnung wehrt sich mit allen Mitteln gegen die Umbrüche, die gefordert aber von vielen selbst nicht umgesetzt werden. Die letzte Szene des Films zeigt dann auch, wie seiner Frau nur das Gespräch mit ihrem Papagei übrig bleibt, da der freiheitsliebende Dichter im Hintergrund über Manuskripte brütet und die Ansprüche seiner weiblichen Partnerin ignoriert.

 

So endet der erste Teil des biografischen Films, der mit szenischen Episoden aus dem Leben des berühmten Dichters ein Stück Menschlichkeit dem deutschen Denkmal einhauchen will. Stille, nachdenkliche Zuschauer lässt dieser Film zurück. Was nehme ich mit nach Hause, was ist von den Schwierigkeiten, die kreative Geister in der Vergangenheit hatten, auch in der Gegenwart auszumachen?

 

Nicht nur Herz und Kopf hat dieser Film berührt, sondern Alles was die wache, freie Seele des Heute ausmacht...

 

Wir danken Wilfried Adelmann für diesen Bericht.

 

Kreiszeitung Rotenburg und Rundschau haben vor Kurzem beschlossen nur noch in Ausnahmefällen Reporter in Veranstaltungen zu schicken um Nachberichte zu schreiben. Man meint dort in den Redaktionen, dass das Publikum den Bericht eh nicht lesen würde und andere sich nicht interessieren würden... - sonst wären sie bereits zur Veranstaltung gegangen.

 

Wir können diese Meinung nicht teilen, müssen sie aber hinnehmen.

 

Ein weiterer Kanal, für Kultur Werbung zu machen und sie zu unterstützen, ist damit geschlossen worden. Es scheint so, als ob es Corona und das Problem, dass die Kulturbranche durchweg hat, am Leben zu bleiben, überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird und auch der Auftrag, den eine Lokalzeitung hat, u.a. die Kultur sichtbar zu machen, dem Rotstift zum Opfer gefallen ist.

T.S.